Der Abgesang auf den Einzelhandel hält unaufhörlich an. Schon seit Jahren ist immer wieder zu hören und zu lesen, dass es dem Einzelhandel schlechter und schlechter geht. Die Schuld trägt oft allein der Onlinehandel – zumindest wenn man dem jeweiligen Schlussakkord von Berichten und Artikeln Glauben schenken darf. Zu kurz gedacht, denn der E-Commerce ist im Zeitalter der Digitalisierung nur ein Aspekt von vielen.

Am 30.12.2015 erschien in DER WELT unter dem Titel „Innenstädten droht Verödung durch Onlineboom“ ein Artikel (http://aix.li/welt-onlinehandel), den man gut und gerne auch 2005 schon geschrieben haben könnte. Bis zu 50.000 Ladenlokale würden bis 2020 aus den Innenstädten verschwinden. Dem könne man nur entgegenwirken, erklärt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE Stefan Genth, wenn man die Ladenöffnungszeiten lockere, den Einkauf zum „Einkaufserlebnis“ umgestaltet und Einkaufs-begleitende Angebote wie Kinderbetreuung, Kommunikationsmöglichkeiten und originelle Verkaufsaktionen anbiete. Soweit ist das alles schon seit Jahren bekannt. Nur wird es durch ständige Wiederholung nicht richtiger. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Verbände im Sinne ihrer Mitglieder argumentieren müssen. Auch Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes spricht sich indirekt für eine Attraktivitätssteigerung der Innenstädte aus, damit die Verödung der Fußgängerzone nicht noch mehr Käufer in den Onlinehandel abwandern lässt. Beide, und alle, die in das gleiche Horn blasen, vergessen dabei allerdings zu erwähnen, dass der Einzelhandel an den aktuellen Veränderungen weder eine Schuld trägt, noch sie verhindern können wird. Viel mehr klingen die Rufe nach Marketing- und Eventaktionen pro „local bookstore“ wie das einsame Pfeifen im dunklen Wald.

24/7 verändert die Gewohnheiten und den Handel

Leerstehende Ladenlokale, Handyshops, Modeketten. Dass sich die Innenstädte in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon grundlegend geändert haben, das liegt nicht zwangsläufig allein am Onlinehandel. Viel mehr ist der Onlinehandel in diesem Zusammenhang die logische Konsequenz aus geändertem Freizeit- und Konsumverhalten der mit Verlaub „ehemaligen“ Zielgruppe des stationären Einzelhandels. Mehr Flexibilität am Arbeitsplatz und in der Tagesgestaltung führt zwangsläufig dazu, dass das vor rund einhundert Jahren eingeführte Gesetz über den Ladenschluss heute mehr oder minder obsolet ist. Wer heute nicht klassisch einem nine to five-Job nachgeht oder im Schichtdienst arbeitet, obendrein noch eine Familie hat oder das ein oder andere Hobby, für den ist es schwer nachvollziehbar, warum zwar die großen Discounter bis 22 Uhr oder länger geöffnet haben, der Fachhandel jedoch nicht. Hat er ja in der Realität auch nicht, denn der Konsument kann tatsächlich rund um die Uhr einkaufen: im Internet. Einen stationären Einzelhandel benötigt er hierfür nicht mehr.

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