… und Du ahnst nicht, was passierte, nachdem er auf den Link geklickt hatte!

Clickbaiting, das Ködern von Klicks auf einen Link oder Artikel, so nennt man es offiziell, was hefti.co, focus.de, Huffington Post und andere Onlinemagazine machen. Warum machen sie das? Ganz einfach: Viele Seitenaufrufe bringen viele Werbekunden, viel Aufmerksamkeit und auch ein bisschen Daseinsberechtigung.

Clickbaiting setzt sich in Onlinemagazinen immer mehr durch. Und inzwischen machen immer mehr seriöse Publikationen davon Gebrauch (so wie wir in diesem Beispiel :-). Gefährlich jedoch ist es, wenn Überschriften so irreführend sind, dass sich – in unserem Beispiel Onlinehändler – davon in ihrer täglichen Arbeit beeinflussen lassen, weil sie einer (bewussten?) Halbwahrheit folgen.

Ein „gutes“ Beispiel ist der aktuelle Artikel im Shopbetreiberblog mit der Überschrift „Unliebsame Kunden: Bestellungen können nicht verboten werden„. Mich selbst hat die Überschrift auch dazu bewogen, zu klicken und den Artikel zu lesen (ich beziehe mich hier auf den Artikel vom 31.05.2016, 20:47 Uhr).

Wenn man den Artikel überfliegt und sich von Kernsätzen oder Zwischenüberschriften leiten lässt, dann könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass man als Onlineshopbetreiber jede Bestellung ausführen muss. So hat es (laut Artikel) das „LG Ulm jetzt entschieden„.

Ganzes Zitat aus dem ersten Absatz: „Am liebsten möchte man solchen Kunden das Bestellen im Shop gleich ganz verbieten. Das geht aber nicht, hat das LG Ulm jetzt entschieden.

  • Jetzt“ ist nicht ganz korrekt, denn der Beschluss des Landgerichts Ulm stammt vom Januar 2015 und ist somit fast eineinhalb Jahre alt.
  • Entschieden“ hat das Landgericht offensichtlich auch nicht, dass man das Bestellen verbieten kann, denn – so sagt der Artikel  – das Landgericht Ulm hat in diesem Fall nur den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen den Kunden (Besteller) zurückgewiesen. Entschieden hat das Landgericht in diesem Fall lediglich diesen einen Sachverhalt.

Im Übrigen ging es in dem Verfahren nur um das virtuelle Hausverbot im Onlineshop. Es ging überhaupt nicht um ein Verbot von Bestellungen. Das sind schon mal zwei grundlegend unterschiedliche Sachverhalte, die hier in Zusammenhang gebracht werden.

Zwei grobe Patzer in diesem Artikel, die allein schon dafür sorgen können, dass Shopbetreiber keinen Gedanken an Vertragsfreiheit und Abschlussfreiheit verschwenden. Denn letztlich kann jeder Shopbetreiber selbst entscheiden, mit wem er Geschäfte machen möchte.

Und was im Artikel eben auch nicht hinterfragt wird: Gab es nach dem Verfahren auf Einstweilige Verfügung ein anschliessendes Verfahren?  Wurde der Sachverhalt vielleicht vor dem OLG verhandelt? Hat ein anderes Landgericht oder OLG in einem ähnlichen oder gleich gelagerten Fall innerhalb der letzten 15 Monate (seit dem LG Ulm) anders oder gleich entschieden?

Viele ungeklärte Fragen, die beim Leser (Shopbetreiber) nur eines hervorrufen: Verwirrung und Verunsicherung.

Sowas ärgert mich!

Ich ärgere mich sehr über solche Artikel! In unserer täglichen Beratungspraxis sind viele Onlinehändler und auch „einfache“ Webseiten-Betreiber ob solcher Artikel wirklich verunsichert. Müssten sie aber überhaupt nicht sein, wenn es Artikel dieser Art nicht gäbe! Dass das auch anders geht, steht weiter unten in diesem Artikel.

Ähnliches gilt häufig für zitierte Entscheidungen von Amtsgerichten, die gerne mal für Allgemeingültig erklärt werden. Entscheidungen von Amtsgerichten sind in der ersten Instanz immer nur eine richterliche Einzelmeinung (man denke nur an den zerbrochenen Krug!). Daraus Regelungen für den deutschen Onlinehandel ableiten zu wollen, ist vollkommener Humbug. Denn wenn der Richter am Amtsgericht Düren im Sachverhalt XY „schwarz“ entscheidet, dann heißt das nicht, dass der Richter am Amtsgericht Schweinfurt im gleichen Sachverhalt nicht „weiß“ entscheiden kann!

Ja, irgendwo am Ende des Artikels steht, dass der Shopbetreiber selbst über den Kaufabschluss bestimmen darf. Zumindest ist es ein bisschen so umschrieben. Aber genau das ist das Problem mit Clickbaiting und Falschinformationen: Die wesentliche (falsche) Information am Anfang des Artikels reicht vielen Lesern aus, um sich ein verkehrtes Bild zu machen.

Im Fazit schreibt der Autor Martin Rätze, selbst Diplom Wirtschaftsjurist, „Je nach Gestaltung des Shops kann der Händler also Bestellungen von unliebsamen Kunden ablehnen.„.
Mit der „Gestaltung des Shops“ hat das herzlich wenig zu tun, sondern eher mit der Gestaltung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (soweit vorhanden). Ist das bewusst irreführend?

„[…] wenn PayPal als Zahlungsart vom Kunden ausgewählt wird. Dann ist der Vertrag geschlossen und muss auch ausgeführt werden, anderenfalls macht sich der Händler schadenersatzpflichtig.“

Allein das Stopp-Wort „schadenersatzpflichtig“ im letzten Abschnitt des Artikels reicht aus, um den unbedarften oder flüchtigen Leser zu verschrecken. Bewusst? Beabsichtig? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, weil hinter dem Shopbetreiberblog die Trusted Shops GmbH steckt, die selbst Rechtsberatung für Onlinehändler anbietet.

Nicht falsch verstehen: Der Service ist gut. Shopbewertungen sind genauso wichtig, wie rechtssichere Onlineshops. Der Service von Trusted Shops ist (abgesehen vom Preis) nicht zu bemängeln. Was mir nicht passt, ist die Art und Weise, wie eine (vermeintlich) seriöse Informationsquelle für Shopbetreiber so mit Informationen spielt! Und das alles nur für ein paar Klicks!

Was Shopbetreiber wirklich wissen müssen

Im Beschluss des LG Ulm steht: „Es steht der [Antragstellerin] frei, Bestellungen des [Antragsgegners] nicht anzunehmen oder diese jedenfalls nicht auszuführen.“ 

und weiter

„da die [Antragstellerin] unerwünschte Lieferungen an den [Antragsgegner] auf einfache Weise dadurch vermeiden kann, dass sie ihn nicht beliefert […].“

Im Artikel geht das unter ferner liefen durch, obwohl es – zumindest im Hinblick auf die Clickbait-Headline doch die Kernaussage ist.

Übrigens: Wer sich wirklich mit genau diesem Sachverhalt (Az.: 2 O 8/15, LG Ulm)  auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich den Artikel „Neues vom virtuellen Hausrecht„. Denn in der Besprechung von Felix Hilgert – vom Oktober 2015 (!) – geht es um die Sache und nicht um Panikmache!