Dass künstliche Verknappung den Kauf anregt, ist ein ganz alter Hut. Das praktiziert der Einzelhandel in dieser Form schon immer. Dem Kunden wird dabei eine vermeintlich geringe verfügbare Menge gezeigt. Der Schnäppchenjäger in uns springt darauf an, weil er das super Angebot natürlich auf keinen Fall verpassen darf. Wer erinnert sich nicht an die angebotenen PCs im Aldi in den 1980er Jahren. Und die langen Schlangen vor der Aldi-Tür. Möglichst früh dort sein, die Anzahl der PCs ist ja knapp. Und niemand weiß, ob dieses Angebot jemals wieder kommt …

Künstliche Verknappung im Onlineshop

Was im Einzelhandel funktioniert, funktioniert natürlich auch online. Wie das beispielsweise vor Weihnachten bei PosterXXL funktioniert, haben wir im Artikel Künstliche Verknappung im Onlineshop (Dezember 2014) gezeigt.

Die Wettbewerbszentrale – selbsternannte Speerspitze unmündiger Verbraucher – sieht in der künstlichen Verknappung eine „Irreführung des Verbrauchers“ und hat den Modehändler Zalando abgemahnt. Recherchen des NDR haben gezeigt, dass die Angabe „nur noch 3 verfügbar“ in Zalandos Onlineshop gar nicht immer stimmt.  In Testeinkäufen seien manchmal auch 10 Artikel bestellt worden; also 7 mehr, als eigentlich verfügbar.

„Zalando drängt den Kunden auf einer falschen Grundlage dazu, eine schnellere Entscheidung zu treffen, die er sonst vielleicht nicht getroffen hätte.“, so Peter Brammen von der Wettbewerbszentrale gegenüber dem NDR.

Laut eines gleichlautenden Radio-Beitrags im WDR äußerte sich Zalando sinngemäß: Lagerbestände würden nicht in Echtzeit im Onlineshop abgebildet. Daher kann es dort zu inkorrekten Angaben kommen.

Onlineshop-Praxis

Aus der Praxis eines Shopbetreibers gibt es sogar handfeste Gründe, die für geringere Mengenangaben sprechen, als Artikel tatsächlich verfügbar sind. Verkauft ein Händler zum Beispiel auf mehreren Plattformen gleichzeitig, so ist es tatsächlich sinnvoll, allen Plattformen geringere Lagerbestände zu melden, um einen gänzlichen Abverkauf zu vermeiden, der früher oder später zu Minusbeständen führen kann. Gängige Multichannel-Software-Produkte bieten diese Option der Meldung veringerter Lagerbestände an. Weil der aktuelle Stand der Technik es erforderlich macht. Denn „Echtzeit“ ist technisch bedingt schlicht und einfach unmöglich! Insofern ist Zalandos Argumentation sogar nachvollziehbar.

Darüber hinaus gibt es natürlich noch weitere Gründe, die für falsche Lagerbestände verantwortlich sein können:

  • Produktbestände in Vorlagern, die erst bei Unterschreiten einer Mindestmenge im Hauptlager übertragen werden
  • eingehende Retouren
  • Umlagerung aus anderen Lagern (physisch)
  • Umbuchung von Lagerbeständen aus anderen Lagern (theoretisch)

Zu guter Letzt bleibt natürlich das Argument der künstlichen Verknappung als Marketinginstrument. Es gibt sie schon seit jeher und es wird sie immer geben. „Limitierte Auflage“ ist dabei die offensichtlichste Variante. Der Produzent könnte mehr anbieten, er macht es aber nicht. Weil er den Preis so künstlich hoch halten und den totalen Abverkauf sicherstellen kann.

Dem Verbraucher bieten sich gerade im Internet vielfältige Möglichkeiten, sich über andere Einkaufsmöglichkeiten zu informieren. Ist das Produkt in einem Shop tatsächlich nur noch 3 mal vorhanden, dann muss er dort ja nicht zwangsläufig kaufen. Die unglaubliche Tranzsparenz im E-Commerce macht es möglich.

Konsequenzen für Shopbetreiber

Und welche Konsequenzen hat die Abmahnung nun für andere Shopbetreiber? Keine!

Eine Abmahnung ist ein erstmal Einzelfall, der nur den Abmahnenden (die Wettbewerbszentrale) und den Abgemahnten (Zalando) betrifft. Shopbetreiber, die künstliche Verknappung als Marketinginstrument nutzen, sollten sich aber im klaren darüber sein, dass sie eine Erklärung in der Hinterhand haben sollten, warum mehr bei ihnen gekauft werden kann, als auf der Webseite angegeben, wenn die Wettbewerbszentrale (oder irgendein anderer „Verbraucherschützer“) auf die gleiche Testidee kommen sollte.