Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Großbritanniens Premierministerin Theresa May hat einen rigorosen Austritt aus der Europäischen Union angekündigt. Man werde weder halb drin, noch halb draußen sein, so May. Die Folgen für die Wirtschaft auf der Insel, aber auch in Europa, dürften nicht unerheblich sein – einschließlich des E-Commerce. Doch womit ist zu rechnen und wie sollten Online-Händler darauf reagieren?

Achterbahnfahrt an den Börsen: Einen Tag vor der offiziellen Rede Theresa Mays zum Brexit-Plan ihrer Regierung fiel der Wert des britischen Pfund rasant in den Keller – nur um am Tag der Rede wieder kräftig hochzuschnellen. Sollten die Währungsschwankungen weiter anhalten, dürfte es sowohl für Online-Händler aus der EU als auch von der Insel schwer werden, transparente Preise zu kalkulieren. Hinzu kommt die Unsicherheit angesichts möglicher Zölle und neu erhobener Steuern. Schließlich will die britische Regierung freiwillig auf den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt verzichten. Insgesamt gäbe es steigende Handelsbarrieren über den Ärmelkanal, die dem grenzüberschreitenden Online-Handel schaden und das Geschäft letztlich weniger profitabel machen.

Doch obwohl Großbritannien weltweit beim E-Commerce an dritter Stelle rangiert, ist das Land dennoch nicht der Nabel der Welt. Die Suche nach Alternativen ist daher sinnvoll – und eine Option ist bereits in Sicht. Daher sollten Online-Händler sich auch nicht scheuen, ihren Blick einmal nach Osten zu wenden.

Blühende Landschaften im Online-Handel

Osteuropa bietet für den europäischen Online-Handel gewaltige Chancen: Laut yStats.com befindet sich die Region im Bereich B2C weltweit an vierter Stelle. Der Anteil am Einzelhandel bewegt sich zwar noch im einstelligen Bereich, doch gerade hierin liegt ein stattliches Wachstumspotenzial. Denn mit einer Sättigung ist in den sich dort entwickelnden und aufstrebenden Märkten weder kurz- noch mittelfristig zu rechnen.

Zahlen von ECommerce Europe bestätigen zudem die guten Aussichten: Das Durchschnittswachstum im osteuropäischen E-Commerce betrug 2014 satte 22,4[1] Prozent – Gesamteuropa kam hingegen „nur“ auf eine Steigerung von 13,6 Prozent. 2015 erreichten die Nachbarn im Osten dem Verband nach noch ein Wachstum von 20,7 Prozent (Gesamteuropa: 13,3 Prozent). Wobei das gedämpfte Wachstum mit dem massiven Rückgang der Erträge in Russland zu erklären ist – und auch das hat seine Gründe. Denn der Online-Handel im Riesenreich weist besonders interessante Gegebenheiten auf.

Während das Wachstum im E-Commerce 2014 noch bei 31 Prozent lag, brach es 2015 deutlich ein und erreichte nur noch eine Steigerung von 6,6 Prozent. Dass es einen Zusammenhang mit den Sanktionen aufgrund der Ukraine-Krise gibt, ist nicht unwahrscheinlich, denn der Rubel verlor in Folge dessen deutlich an Wert. Damit wurde es für russische Konsumenten wesentlich teurer auf dem westeuropäischen E-Com-merce-Markt einzukaufen. Und dennoch: Die Kauflaune der Konsumenten blieb und schien schlicht von anderer Stelle befriedigt zu werden. Denn zwischen 2014 und 2015 wuchs die Zahl der aus dem Ausland importierten Online-Waren um beeindruckende 54 Prozent (von 1,98 Milliarden Euro auf 3,06 Milliarden Euro) – der große Gewinner hierbei lautete hingegen nicht Westeuropa, sondern China. So deckte die Volksrepublik 2014 bereits zu 70 Prozent den grenzüberschreitenden Online-Handel Russlands ab. 2015 kam ein weiterer Anstieg hinzu und der Anteil erreichte sagenhafte 80 Prozent. Warum füllen chinesische Anbieter also zunehmend die Lücke der Konsumwünsche, ohne dass der Rest Europas auf den Plan tritt?

Fazit

Aufgrund der Unsicherheiten, die der Brexit mit sich bringt, dürfte das britische E-Com-merce-Empire zumindest mittelfristig einen erheblichen Dämpfer erfahren. Online-Händler auf dem Festland brauchen sich hingegen weitaus weniger Sorgen zu machen. Denn dank der weiterhin sehr positiven Wachstumserwartungen in Osteuropa bieten sich ihnen erhebliche Chancen, sofern sie bereit sind, ihre Angebote entsprechend anzupassen und nicht etwa anderen einfach das Feld zu überlassen. Das sieht man besonders gut an Russland, das zunehmend den grenzüberschreitenden Online-Handel mit China ausbaut. Europas Online-Shops sollten das wirtschaftliche Potenzial daher unbedingt geschickt nutzen, um die vermutlich zu erwartenden Verluste durch das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU so gut wie möglich zu kompensieren und am Ende als Sieger vom Platz zu gehen.

[1] Tschechien, Ungarn, Polen, Russland, Rumänien, Bulgarien, Ukraine